Etappe 4

5 Aug

Malga Ciapela – Nova Levante

Wie ich lernte, den inneren Schweinehund zu überwinden

Die alles entscheidende Frage, die sich am frühen Morgen stellte, lautete, wie schaut’s nach bitterböser Ankündigung denn nun wirklich mit dem Wetter aus. Ein Blick aus dem Fenster sagte aber schon alles: kalt, nass und einfach ungemütlich. Das sollte doch eine Sommer-Alpentour werden… aber von Alpen oder Dolomiten oder wenigstens irgendwelchen Bergen war wegen des tief hängenden Nebels einfach nichts zu sehen… von Sommer schon gar nichts.

Nun aber erst einmal von vorne. Nachdem der allgemeine Unmut über Matzes verschärfte Bergankunft am Vortag vor allem wegen des guten Abendessens fast vollständig verschwunden war, stellte sich diesbezüglich jetzt früh morgens fast schon eine gewisse Dankbarkeit ein (was natürlich nie einer der Beteiligten zugeben würde). Die geplante Etappe über Falzaregopass, Grödner- und Sellajoch könnte man bei diesem Wetter ja wunderbar verkürzen, indem man einfach mal schnell über den Fedaiapass kurbelt (den wir ja nebenläufig bemerkt ja eh schon zu ca. 2/3 gefahren waren), dann das Fassatal runterrollt und anschließend den kleinen Gegenhügel namens Karerpass hinaufpedaliert. Also ein guter Plan B für Sauwetter, der auch nach einigen Frühstücksdiskussionen fast einstimmig angenommen wurde. Gesagt getan, nach gutem, ausgiebigem Frühstück und in wohlduftenden, frischgewaschenen Radklamotten starteten wir direkt in den harten Schlussanstieg des Fedaiapasses. Mit der Einstellung, dass Warmfahren völlig überbewertet ist, ging’s direkt in den Beginn der ca. 3 km langen 12-15% steilen Gerade, die zu allem Überfluss dann im Schlussteil von teilweise noch steileren Serpentinen abgelöst wird. Die folgende Schilderung ist wegen Tunnelblick und eingeschränkter Wahrnehmungsfähigkeit des Autors bei der Auffahrt völlig subjektiv. Nachdem Stefan bereits wie ein Moped gen Passhöhe abgedüst war, bildeten sich mehrere kleine Gruppen, in denen jeder versuchte, gegen die nicht enden wollende Steigung und den zunehmenden Regen anzukämpfen.

Völlig durchnässt und zähneklappernd tröpfelten (und das ist in dem Fall wortwörtlich zu nehmen) die einzelnen Helden auf der Passhöhe ein, auf der die Sichtweite mittlerweile gen Null tendierte. Nach einer kurzen Stärkung mit heißen Getränken (an dieser Stelle nochmals Danke an die edle Spenderin Margit) und Kleidungswechsel ging’s dann hinunter in die eiskalte Abfahrt nach Canazei und von dort im strömenden Regen weiter nach Pozza di Fassa und schlussendlich nach Vigo di Fassa, wo der Anstieg auf den Karerpass begann. Mittlerweile waren alle so bis auf die Haut durchnässt, und die Finger und Füße waren so klamm, dass das Greifen der Trinkflasche, das Schalten oder Bremsen und Treten zur echten Selbstüberwindung wurden. Letztendlich muss man aber halt doch feststellen, dass wir keine italienischen Schönwettersportler sind, die ihr Material von Eisdiele zu Eisdiele bewegen und den Regen meiden wie Graf Dracula die Sonne, sondern richtige Radsportler! Wie gesagt, alle erreichten mehr oder weniger begeistert den Karerpass und nach kurzer Abfahrt den Abzweig zu unserer Unterkunft, der Meierei oberhalb von Nova Levante. Nach mehr oder weniger langer Wiedererwärmung durch heißes Duschen, mehrere Kleidungsschichten und warme Getränke kehrte auch schnell die Aufbruchsstimmung zurück, und die Pläne für den anstehenden Ruhetag wurden bereits geschmiedet (diese reichen von kurzer Befahrung des Nigerpasses über Sellarunde bis hin zu Passo San Pellegrino… die Definition des Ruhetags ist halt sehr relativ…).

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